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„Beschwerdemechanismen einrichten“

Mechanismen kontinuierlich verbessern

 NAP Kernelement 5

Im Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) formuliert die Bundesregierung ihre Erwartungen an die Wirtschaft zur Achtung unternehmerischer Sorgfalt entlang der Wertschöpfungskette. Definiert in fünf Kernelementen:

  1. Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte
  2. Verfahren zur Ermittlung tatsächlicher und potenziell nachteiliger Auswirkungen auf die Menschenrechte
  3. Maßnahmen zur Abwendung potenziell negativer Auswirkungen und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen
  4. Berichterstattung
  5. Beschwerdemechanismus
Startpunkt
Startpunkt: Was brauche ich?
  • Nutzen Sie die Informationen aus der Risikoanalyse zu Personengruppen, die (potenziell) von negativen Auswirkungen Ihres Handelns betroffen sind und das Wissen über bestehende Prozesse, um Ihre Beschwerdekanäle zu prüfen und anpassen zu können
5.1

Zielgruppen festlegen

Lesedauer ca. 5 min

In der Risikoanalyse haben Sie identifiziert, welche Personengruppen an ihren Standorten oder in der Lieferkette durch das Handeln Ihres Unternehmens von nachteiligen Auswirkungen (potenziell) betroffen sind. Dazu können beispielsweise eigene Mitarbeitende gehören, aber auch externe Dienstleister an Ihren Standorten (z.B. Sicherheits- oder Reinigungspersonal) oder Gruppen, die nicht mit dem eigenen Unternehmen verbunden und „außer Sichtweite” sind – wie z.B. Mitarbeitende von Lieferanten oder lokale Gruppen in der Nähe von Produktionsstandorten entlang Ihrer Lieferkette.
Im ersten Arbeitsschritt sollten Sie mögliche Nutzerinnen und Nutzer erfassen und lokalisieren sowie Beschwerdeanliegen identifizieren. Insbesondere diejenigen Gruppen sollten Zugang zu Beschwerden haben, die Ihr Unternehmen als (potenziell) Betroffene identifiziert hat.

Grundverständnis: Worauf sollte ich achten?

Direkt zur Umsetzung gehen

Zu Beginn ist es wichtig, die Begriffe „Beschwerde“ und „Wiedergutmachen“ im Unternehmen zu erläutern.

Beschwerde: Wenn etwas im Unternehmen schiefläuft oder nicht gut gemanagt wird und Personen davon negativ betroffen sind, muss es Möglichkeiten geben, sich zu beschweren. Der Begriff der Beschwerde und entsprechende Systeme sind in den meisten Unternehmen bereits etabliert. Sie beziehen sich in der Regel auf die eigenen Mitarbeitenden und Kunden. Denken Sie beispielsweise an den Betriebsrat, Befragungen der Mitarbeitenden oder Ihre Compliance-Hotline. Um Nachhaltigkeitsrisiken in der Lieferkette adäquat zu managen, muss der Begriff erweitert werden – auf alle Personengruppen, die durch Aktivitäten Ihres Unternehmens oder durch Geschäftsbeziehungen (potenziell) negativ betroffen sind. Hier greift dieselbe Logik der Zuordnung Ihres Unternehmens zu Nachhaltigkeitsauswirkungen wie in Prozessphase 3. Aber wie bei allen Prozessphasen gilt auch hier: Seien Sie pragmatisch! Gerade als kleineres Unternehmen erreichen Sie schon viel, wenn Sie bestehende Mechanismen schrittweise auf Ihre direkten Lieferanten ausweiten und für Dritte eine zentrale Kontaktmöglichkeit auf Ihrer Webseite schaffen.

Beschwerdemechanismen im Kontext des nachhaltigen Lieferkettenmanagements stellen allerdings keinen Ersatz für juristische Verfahren dar, sondern sind als Ergänzung zu verstehen, um Risiken und Konflikte proaktiv zu managen. Vielmehr funktionieren Beschwerdemechanismen im Sinne eines „Frühwarnsystems”, um Probleme möglichst dort aufzudecken, wo sie entstehen und unmittelbar behoben werden können.

Wiedergutmachung: Hat Ihr Unternehmen negative Auswirkungen verursacht oder dazu beigetragen, ist die Frage der Wiedergutmachung zu klären. In welcher Form die Wiedergutmachung geleistet wird, ist nicht vorgegeben – eine Entschuldigung, eine finanzielle Entschädigung oder präventive Maßnahmen, die eine Wiederholung verhindern, können angemessen sein. Was adäquat ist, orientiert sich insbesondere an zwei Kriterien: 1. Sollte die Form der Wiedergutmachung aus der Perspektive von Betroffenen erarbeitet werden. 2. Orientiert sich die Form an den Ergebnissen Ihrer Risikoanalyse. Konkret sollte sich die Form an der Schwere der negativen Auswirkung orientieren.

Heben Sie den konkreten Mehrwert eines Beschwerde- und Wiedergutmachungsmechanismus für Ihr Unternehmen hervor. Damit vermeiden Sie, dass Ihre Kolleginnen und Kollegen damit weniger Schuldzuweisungen gegen Ihr Unternehmen, sondern vielmehr die Schaffung eines Informations- und Verbesserungsmechanismus verbinden. Der Mehrwert kann sich darin äußern, dass:

  • Ihr Unternehmen negative Entwicklungen frühzeitig erfasst und vermeidet, dass daraus kostspielige und reputationsschädigende Konflikte entstehen.
  • Ihr Unternehmen seine Beziehungen zu den Nachbarn von Produktionsstandorten verbessert, weil der Willen zu einem offenen und ehrlichen Dialog deutlich wird.
  • Ihr Unternehmen durch den konstruktiven Umgang mit Beschwerden eine Kultur des Lernens in Ihrem Unternehmen stärkt.
Mehrwert des Beschwerdemechanismus für Ihr Unternehmen betonen

Mehrwert des Beschwerdemechanismus für Ihr Unternehmen betonen Die eigenen Mitarbeitenden mit an Bord zu holen, ist in diesem Arbeitsschritt von größter Bedeutung. Der Leitfaden „Zuhören lohnt sich – Menschenrechtliches Beschwerdemanagement verstehen und umsetzen“ vom Deutschen Global Compact Netzwerk liefert umfassende Information darüber, wie Unternehmen mit menschenrechtlichen Beschwerden umgehen können. Neben konkreten Hilfestellungen zur Etablierung eines Beschwerde- und Wiedergutmachungsmechanismus liefert der Leitfaden Gründe, warum ein solcher Mechanismus einen Mehrwert für Unternehmend darstellt. Nutzen Sie die Informationen für Ihre Kommunikation im Unternehmen.

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Mögliche Nutzerinnen und Nutzer eines Beschwerdemechanismus ermitteln
  • Auch wenn Sie gerade zu Beginn der systematischen Auseinandersetzung mit Beschwerden entlang Ihrer Wertschöpfungskette eine große Anzahl (möglicher) Beschwerdeträger identifizieren werden, sollten sie diese Übung breit angelegt ausgestalten. Eine Priorisierung ist vorgesehen, sollte aber erst danach erfolgen.

  • Greifen Sie auf die Ergebnisse Ihrer Risikoanalyse zurück und listen Sie auf, welche Personengruppen von der Geschäftstätigkeit Ihres Unternehmens betroffen sein können. Es ist sinnvoll, zwischen Personengruppen Ihres Unternehmens und Dritten, die nicht direkt Ihrem Unternehmen zugeordnet werden können, zu unterscheiden. Damit Sie in den folgenden Schritten passende Beschwerdekanäle überarbeiten oder neu einrichten können, sollten Sie an dieser Stelle auch ermitteln, wo sich die unterschiedlichen Gruppen befinden. Das hilft, um den kulturellen Kontext besser einbeziehen zu können. Auch hier können Sie auf die Ergebnisse Ihrer Risikoanalyse zurückgreifen:

  • Personengruppen im eigenen Unternehmen

    • Eigene Mitarbeitende
    • Externe Mitarbeitende (Dienstleister wie Reinigungs- oder Sicherheitspersonal)
    • Nachbarn Ihrer Produktionsstandorte
  • Personengruppen außerhalb des eigenen Unternehmens

    • Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei Direkt- und Vorlieferanten
    • Nachbarn der Produktionsstandorte
    • Kunden
    • Betroffene im weiteren Sinne (bspw. durch Umweltauswirkungen, die über lokale Auswirkungen hinausgehen)
  • Prüfen Sie, ob sich besonders vulnerable Gruppen unter den (potenziell) Betroffenen befinden, die speziellem Schutz bedürfen

    • Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter, (Arbeits-)Migrantinnen und Migranten, Menschen auf der Flucht
    • Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter, saisonal und atypisch Beschäftigte
    • Frauen, Kinder und junge Menschen
    • Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen
    • Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen
    • Ethnische oder religiöse Minderheiten
    • Indigene Gruppen
    • Ungelernte/nicht alphabetisierte Personen
    • Menschen in extremer Armut
Nehmen Sie bestimmte Personengruppen priorisiert in den Blick
  • Wie auch bei der Risikoanalyse ist es legitim, wenn Sie zunächst priorisieren und den Fokus auf bestimmte Personengruppen richten. Wichtig ist, dass dies erst erfolgt, wenn Sie sich einen Überblick über alle Personengruppen verschafft haben, die von der Geschäftstätigkeit Ihres Unternehmens berührt werden können. Und, dass Sie im Rahmen des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses in der Auseinandersetzung mit unternehmerischer Sorgfalt den Kreis der Personengruppen schrittweise erweitern.
  • Sie können die Ergebnisse Ihrer Risikoanalyse nutzen. Dabei gilt: Je größer das menschenrechtliche Risiko für bestimmte Personen und je enger die Beziehung Ihres Unternehmens zu diesen Personen, desto größer ist die Verantwortung, einen Beschwerdekanal einzurichten, der menschenrechtliche und Umweltrisiken im eigenen Unternehmen sowie entlang der gesamten Wertschöpfungskette Ihres Unternehmens erfasst.
Mögliche Beschwerdeanliegen erfassen
  • Erfassen Sie für die identifizierten Personengruppen, welche Beschwerdeanliegen an Sie gerichtet werden könnten. Es ist wichtig, dass Sie auch potenziell mögliche Beschwerdethemen festhalten, damit Sie in den nächsten Schritten einen Mechanismus etablieren, der vorausschauend ein breites Spektrum von Themen und Personengruppen abdecken kann und dafür passende Beschwerdekanäle bereithält.
  • Ein Beschwerdeanliegen kann beispielsweise die fehlende Begrenzung der Arbeitszeit sein, die von den eigenen Mitarbeitenden bzw. einem Zulieferer beanstandet wird. Ein anderes Beispiel ist eine schädliche Umweltauswirkung, wie z.B. die unzulässige Entsorgung von Chemikalien und eine damit verbundene Verunreinigung des Grundwassers an einem Produktionsstandort, die die Gesundheit der umliegenden Bewohnerinnen und Bewohner gefährdet.
Ergebnisse dokumentieren
  • Sie sollten die Ergebnisse der Recherche dokumentieren. Wie Sie es visualisieren, ist Ihnen überlassen. Gestalten Sie es aber so, dass die Visualisierung Ihnen im nächsten Arbeitsschritt hilft, bestehende Beschwerdekanäle den verschiedenen Gruppen zuzuordnen. Das erleichtert Ihnen, Lücken und Nachbesserungsbedarfe zu erfassen.
5.2

Beschwerdemechanismen abgleichen und kontinuierlich verbessern

Lesedauer ca. 5 min

Viele Unternehmen verfügen bereits über verschiedene formelle oder informelle Beschwerdemechanismen, insbesondere für Mitarbeitende im eigenen Unternehmen. In diesem Arbeitsschritt geht es darum, bestehende Mechanismen abzugleichen und zu prüfen, wo Überarbeitungsbedarf besteht.

Grundverständnis: Worauf sollte ich achten?

Direkt zur Umsetzung gehen

Bestehende Mechanismen überprüfen

Alle zentralen Personengruppen, die im vorigen Arbeitsschritt erfasst wurden, sollten Zugang zum Beschwerdemechanismus haben. Zudem sollten alle möglichen relevanten Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden erfasst werden können. Vielleicht gibt es im Unternehmen bereits ein Compliance-System, das aber bisher faktisch keine Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen identifiziert, weil die Mitarbeitenden noch nicht ausreichend geschult wurden. Etablieren Sie schrittweise auch einen Ansatz, der Ihnen hilft, die Wirksamkeit bestehender Mechanismen entlang definierter Kriterien zu überprüfen.

Auf Bestehendem aufbauen, bei Bedarf neue Mechanismen etablieren

Das spart Ressourcen, und sie können in der Regel auf eingespielte Prozesse aufsetzen. Prüfen Sie auch, ob Mechanismen auf Verbandsebene oder im Rahmen von Multi-Stakeholder-Initiativen existieren, die von Ihnen genutzt werden können.

Schritt für Schritt vorgehen

Es wird von Ihnen nicht erwartet, dass Sie sofort alle Lücken bestehender Mechanismen identifizieren und diese weiterentwickeln. Entwickeln Sie, wie auch in Prozessphase 3, einen Aktionsplan, der Ihnen hilft, einen Einstieg zu finden. Starten Sie, insbesondere wenn mehrere Beschwerdekanäle vorliegen, mit dem zentralen Kanal. Gehen Sie dabei risikobasiert vor und adressieren Sie jene Personengruppen, für die das Risiko, von negativen Auswirkungen betroffen zu sein, am größten ist. Sie sollten perspektivisch auch ermitteln, ob bestimmte Personengruppen Zugang zu Beschwerdemechanismen außerhalb Ihres Unternehmens (bspw. über Geschäftspartner) haben und ob Personengruppen weder durch Ihren Mechanismus noch durch den eines anderen Unternehmens in Ihrer Wertschöpfungskette erfasst werden. Die Bestandsaufnahme kann helfen, diese Wissenslücken schrittweise zu schließen.

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Bestehende Beschwerdekanäle erfassen
  • Erfassen Sie, welche Beschwerdemechanismen in Ihren Unternehmen bereits genutzt werden. Werden zentrale Personengruppen von (informellen) Beschwerdemechanismen in Ihrem Unternehmen erfasst? Ordnen Sie diese den (visualisierten) Ergebnissen aus dem ersten Arbeitsschritt zu. In der Regel werden bereits Kanäle wie Hotlines, E-Mail-Adressen, Umfragen unter Mitarbeitenden, Ombudspersonen, Auditprozesse oder Stakeholder-Dialoge genutzt.
Beschwerdekanäle

Der Leitfaden „Zuhören lohnt sich – Menschenrechtliches Beschwerdemanagement verstehen und umsetzen“ listet Beschwerdekanäle auf, die Sie für einen Abgleich nutzen können:

  • Hotline (Beschwerdehotline für Mitarbeitende oder Betroffene)
  • Kunden-/Compliance­/Ethikhotline/Whistleblower-Hotline
  • E-­Mail­ Adresse
  • Kummerkasten
  • Policy der Offenen Tür
  • Allgemeine Befragungen von Mitarbeitenden
  • Meetings mit expliziter Möglichkeit, Probleme anzusprechen
  • Arbeitsprozessbesprechungen (Schichtübergabe)
  • Designierte Kontaktperson
  • Ombudsperson
  • Schlichtungsausschuss
  • Gewerkschaft
  • Betriebsrat
  • Beschwerdesysteme über öffentliche Stellen
  • Sektor­ oder Multi-Stakeholder-Initiativen
  • Auditprozesse (und Interviews mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern)
  • Hotlines / Mechanismen in der Lieferkette
  • Stakeholder-Dialoge
Prüfen, ob bestehende Beschwerdemechanismen wirksam sind
  • Sind bestehende Mechanismen wirksam? Woran machen Sie die Wirksamkeit fest? Auf der Grundlage des Abgleichs sollten Sie die Wirksamkeit der bestehenden Mechanismen prüfen, um Lücken und Handlungsbedarfe zu ermitteln. Ergebnisse können sein, dass:
    • nicht alle relevanten Personengruppen Zugang zu einem bestehenden Mechanismus haben;
    • nicht alle möglichen relevanten Beschwerdethemen abgedeckt werden; oder
    • der Zugang aufgrund sprachlicher und anderer Barrieren für relevante Personengruppen nicht gewähreistet ist.
  • Konzentrieren Sie sich zu Beginn auf den zentralen Beschwerdekanal im Unternehmen. Bestehen weitere Beschwerdekanäle, sollten Sie diese schrittweise ebenfalls in den Blick nehmen.
  • Typische Fragen zur Effektivität:
    • Wird das Verfahren von Personal durchgeführt, welches ausreichend erfahren und mit dem Beschwerdeverfahren vertraut ist?
    • Kennen potenzielle Nutzerinnen und Nutzer das Verfahren?
    • Werden die Nutzerinnen und Nutzer über den Fortschritt des Verfahrens informiert?
    • Erarbeitet Ihr Unternehmen Lösungen im Sinne der Betroffenen?
Effektivität von Beschwerdemechanismen ermitteln

Die Effektivität des Beschwerdemechanismus ist dann gewährleistet, wenn er legitim, zugänglich, berechenbar, ausgewogen, transparent, rechte-kompatibel und Ausgangspunkt kontinuierlichen Lernens ist. Zudem sollte er den Austausch und Dialog mit den Betroffenen fördern.

Der NAP Wirtschaft und Menschenrechte und die VN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte haben acht Effektivitätskriterien definiert, die menschenrechtliche Beschwerdemechanismen erfüllen müssen. Eine Übersicht über die Effektivitätskriterien erhalten Sie unten im Vertiefungsmodul „Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht“. Nutzen Sie diese als Checkliste, die Ihnen hilft, zielgerichtet vorzugehen, und versuchen Sie, Ihren Mechanismus schrittweise zu verbessern. Es wird nicht erwartet, dass Ihr Beschwerdemechanismus als KMU sofort alle Kriterien erfüllt.

Weitere Informationen zu den Kriterien erhalten Sie im Leitfaden „Zuhören lohnt sich – Menschenrechtliches Beschwerdemanagement verstehen und umsetzen“. CSR Europe hat für die vertiefte Auseinandersetzung mit der Effektivitätsprüfung die MOC-A Tool Checkliste für effektive Beschwerdemechanismen entwickelt, welche auf den acht Kriterien beruht. Der Interpretive Guide des Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) hilft Ihnen außerdem dabei, die VN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte umzusetzen und befasst sich ab Seite 63 ff. mit Kriterien, die einen guten Beschwerdemechanismus ausmachen.

In der Praxis hat sich herausgestellt, dass die Zugänglichkeit zu einem Beschwerdeverfahren ein Hindernis für dessen Effektivität sein kann. Daher sollten Sie diesen Punkt besonders im Blick haben. Keine Beschwerde zu erhalten, ist in diesem Sinne nicht unbedingt ein Zeichen für ein einwandfreies nachhaltiges Lieferkettenmanagement und einen funktionsfähigen Beschwerdemechanismus!

Überlegen Sie, welche Zugangshindernisse unterschiedliche Personengruppen daran hindern könnten, Ihren zentralen Beschwerdemechanismus zu nutzen und wie sie diese Hindernisse adressieren können.

Ist bestimmten Personengruppen unklar, wie sie eine Beschwerde einreichen können? Agiert Ihr Unternehmen international und können Personengruppen Beschwerden nicht in Ihrer Sprache einreichen? Fehlt das Vertrauen in den Beschwerdemechanismus?

Pragmatische Lösungen können helfen, den Zugang zu erleichtern; beispielweise, indem sie das Beschwerdeverfahren grafisch erläutern, Prozesse, die die Vertraulichkeit gewährleisten, offenlegen oder physische Beschwerdekanäle so ausgestalten, dass sie vor Blicken von außen geschützt sind.

Austausch mit Externen suchen

Eine wichtige Anforderung an menschenrechtliche Beschwerdemechanismen ist der regelmäßige Austausch mit den Nutzerinnen und Nutzern des Beschwerdemechanismus; insbesondere, um sicherzustellen, dass der Mechanismus für diese tatsächlich zugänglich ist. Gleichzeitig ist die praktische Umsetzung herausfordernd und der direkte Kontakt zu (potenziellen) Nutzerinnen und Nutzer insbesondere für Unternehmen mit internationalen Lieferketten meist nicht vorhanden. NGOs und teils auch die Wissenschaft können in diesen Fällen ein guter Mittler sein, da sie oftmals im direkten Kontakt mit (potenziell) Betroffen stehen. Sie können Ihr Unternehmen dabei unterstützen, ein umfassenderes Bild über (potenzielle) Beschwerdethemen von Personen außerhalb Ihres Unternehmens zu erlangen. Der Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte der Bundesregierung kann Ihnen beratend zur Seite stehen, um geeignete Kontakte auch in Produktionsländern zu identifizieren. Das Business and Human Rights Resource Center (BHRRC) bietet außerdem eine mehrsprachige Informationsplattform, um den Dialog zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und Unternehmen zu fördern und so einen Beitrag zur Behebung auftretender menschenrechtlicher Missstände zu leisten.

Handlungsbedarf ermitteln
  • Haben Sie Lücken und Handlungsbedarf identifiziert, weil beispielsweise nicht alle relevanten Personengruppen über bestehende Kanäle abgedeckt werden oder Menschenrechtsthemen im Unternehmen (noch) nicht adäquat adressiert werden, können die folgenden Schritte helfen, den Umgang mit Beschwerden von Personengruppen von außerhalb des Unternehmens weiterzuentwickeln:
  • Informelle Systeme, die oft über den direkten Kontakt mit Personengruppen funktionieren, ausweiten und formalisieren: Insbesondere als kleineres Unternehmen findet der Austausch mit Personengruppen, die einen Bezug zum Unternehmen haben, oftmals direkt und informell statt. Um die Reichweite Ihres Beschwerdemechanismus zu erhöhen, kann schon die Einrichtung einer speziellen E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer und die Kommunikation auf der eigenen Webseite helfen. Befürchtungen, dass dies zu einem erheblichen Anstieg an Beschwerden führt, decken sich nicht mit Erfahrungen aus der Praxis.
  • Branchenlösungen prüfen: Die Etablierung von nachhaltigkeits- bzw. menschenrechtlichen Beschwerdemechanismen wird zunehmend auf Branchenebene thematisiert. Ob als zentrale oder ergänzende Lösung für Ihr Unternehmen – fragen Sie bei Ihrem Branchenverband nach, bevor Sie eigene neue Lösungen entwickeln.
  • Maßnahmen zur Wiedergutmachung entwickeln: Wenn menschenrechtliche Auswirkungen auftreten, die Ihr Unternehmen verursacht hat oder zu denen es beigetragen hat, muss Ihr Unternehmen Maßnahmen zur Wiedergutmachung entwickeln bzw. daran mitwirken. Ihre Personal- und Rechtsabteilung sowie der Betriebsrat werden grundsätzliche Abhilfemöglichkeiten kennen – Sie können prüfen, ob diese auf andere Personengruppen wie beispielsweise Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Ihrer Lieferanten übertragbar sind. In jedem Fall bilden die Ergebnisse der Risikoanalyse die Grundlage für die Auswahl von geeigneten Maßnahmen. Im Fokus steht, die negative Auswirkung für Betroffene wiedergutzumachen. Geht es beispielsweise um unzureichende Arbeitsschutzbedingungen bei Lieferanten, kann der Schwerpunkt auf der Nichtwiederholung liegen, indem Sie Schulungen anbieten und Anforderungen an den Arbeitsschutz in Lieferantenverträgen festschreiben.
Abhilfemöglichkeiten

Wenn Ihr Unternehmen menschenrechtliche Auswirkungen verursacht bzw. dazu beigetragen hat, sind Sie verpflichtet, Maßnahmen zur Wiedergutmachung zu entwickeln und „Abhilfe“ für den Schaden, den Ihr Unternehmen verursacht oder zu dem es beigetragen hat, zu schaffen. Dieser Verpflichtung obliegt auch der Staat, der durch gerichtliche, administrative, gesetzgeberische oder andere Maßnahmen dafür Sorge tragen muss, dass Betroffenen von negativen menschenrechtlichen Auswirkungen geholfen wird. Als Unternehmen ist es auch Ihre Aufgabe, mit dem Staat zu kooperieren und Betroffenen Zugang zu Abhilfemaßnahmen zu verschaffen.

Unterstützung von außen beim Umgang mit Beschwerden

Insbesondere bei Beschwerden, die schwere Auswirkungen wie Kinder- oder Zwangsarbeit beinhalten und Ihr Unternehmen erreichen, sollten Sie unbedingt Dritte einbeziehen. Dies kann der Kontakt mit Ihrem Branchenverband, aber auch der Austausch mit NGOs und Beratungsstellen sein.

Der Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte der Bundesregierung kann Ihnen beratend zur Seite stehen, um geeignete Kontakte zu identifizieren.

5.3

Ergebnisse in Prozesse rückkoppeln

Lesedauer ca. 5 min

Das nachhaltige Lieferkettemanagement und die Umsetzung unternehmerischer Sorgfaltspflichten sind ein schrittweiser Prozess. Die kontinuierliche Verbesserung ist handlungsleitend. Damit sich Ihr Unternehmen kontinuierlich weiterentwickeln kann, müssen Informationen systematisch erfasst und in einen neuen Prozessphasenzyklus rückgekoppelt werden. So kann beispielsweise die Risikoanalyse vertieft, Maßnahmen auf weitere Lieferanten ausgeweitet und der Beschwerdemechanismus verbessert werden. Das betrifft unmittelbar Beschwerden, die Sie erreichen, aber darüber hinaus auch weitergehende Verbesserungsideen.

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Schulungen durchführen

Schulen Sie Mitarbeitende im Umgang und der Auswertung von Beschwerden. Es geht zunächst darum, dass Ihre Mitarbeitenden Beschwerden aus der Perspektive der (potenziell) Betroffenen heraus betrachten. Auch wenn es darum geht, dass Ihr Unternehmen eigene Managementprozesse im Unternehmen hinterfragt und ggf. anpasst, sollte sich der erste Blick darauf richten, wie (potenziell) Betroffene unterstützt werden können. Ebenso sollten Sie Mitarbeitende darin schulen, aus den eingehenden Beschwerden Muster herauszuarbeiten, sodass Ihr Unternehmen möglichst frühzeitig negative Entwicklungen erkennt und gegensteuern kann. Zudem können Beschwerden auch inhaltliche Erkenntnisse liefern, die Sie direkt in die Risikoanalyse (Prozessphase 2) rückkoppeln können. Beispielsweise, wenn Sie verstärkt Beschwerden oder Hinweise aus bestimmten Ländern oder zu bestimmten Nachhaltigkeitsthemen erhalten.

Austausch zwischen Abteilungen verbessern

Insbesondere, wenn Ihr Unternehmen mehrere Beschwerdekanäle anbietet, sollten Sie darauf achten, dass die Informationen aus den verschiedenen Kanälen zusammengeführt werden. So können Sie sowohl Muster erkennen als auch Verbesserungen für Betroffene zielgerichtet angehen. Beispielsweise können Sie Verbesserungsvorschläge, die Sie für Ihre eigenen Mitarbeitenden entwickelt haben, sukzessive in die Lieferkette tragen und Lieferanten damit unterstützen.

Indikatoren entwickeln, um den Umsetzungsstand zu messen

Bei der Indikatoren-Entwicklung befinden sich die meisten Unternehmen noch am Anfang. Halten Sie die Anzahl von Indikatoren zu Beginn gering, um sicherzustellen, dass sie Daten generieren können und daraus Folgehandlungen abzuleiten. Zudem fokussieren Unternehmen in der Regel auf Output-basierten Indikatoren, die die Effektivität des Beschwerdemechanismus messen und einfacher zu erfassen sind.

Indikatoren-Kategorien (Auswahl)

Indikatoren, die die Effektivität des Mechanismus messen:

  • Anzahl von Beschwerden, die das Unternehmen über einen bestimmten Zeitraum erhalten hat
  • Anzahl an Wiedergutmachungsmaßnahmen
  • Anteil positiver Rücklaufe aus stichprobenartigen Befragungen relevanter Stakeholder oder ähnlichen Feedbacksystemen mit Dritten

Indikatoren, die den Einfluss des Beschwerdemechanismus auf das Unternehmen als Ganzes messen:

  • Beschwerden oder Feedback von Stakeholdern führen zu Änderungen in den Richtlinien, Managementprozessen, Strukturen im Unternehmen Beschwerden oder Feedback von
  • Stakeholdern führen zu Änderungen in den Richtlinien, Managementprozessen, oder Strukturen im Unternehmen

Indikatoren, die die Vorteile des Mechanismus für das Unternehmen messen:

  • Beschwerden zu demselben Thema werden nicht wiederholt eingereicht
  • Sinkende Zahl von ausfallenden Arbeitstagen (z.B. aufgrund von Krankheit)

Weitere Informationen zu den Kriterien erhalten Sie im Leitfaden „Zuhören lohnt sich – Menschenrechtliches Beschwerdemanagement verstehen und umsetzen“.

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