2
„Prioritäten setzen“

Risiken identifizieren und bewerten

 NAP Kernelement 2

Im Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) formuliert die Bundesregierung ihre Erwartungen an die Wirtschaft zur Achtung unternehmerischer Sorgfalt entlang der Wertschöpfungskette. Definiert in fünf Kernelementen:

  1. Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte
  2. Verfahren zur Ermittlung tatsächlicher und potenziell nachteiliger Auswirkungen auf die Menschenrechte
  3. Maßnahmen zur Abwendung potenziell negativer Auswirkungen und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen
  4. Berichterstattung
  5. Beschwerdemechanismus
Startpunkt
Startpunkt: Was brauche ich?
  • Nutzen Sie den erarbeiteten Überblick über ihre Geschäftsaktivitäten, Unternehmensgrundsätze und die eigene Wertschöpfungskette, um Ihr unternehmerisches Handeln mit den Risiken zu verknüpfen
2.1

Potenzielle Risiken identifizieren

Lesedauer ca. 5 min

Nur wenn Ihr Unternehmen die eigenen menschenrechtlichen und Umweltrisiken kennt, können Sie angemessene Maßnahmen ergreifen, um negative Auswirkungen zu verhindern, zu mindern und bei bereits eingetretenen Auswirkungen Abhilfe zu leisten.

Grundverständnis: Worauf sollte ich achten?

Direkt zur Umsetzung gehen

Perspektivwechsel

Menschenrechtliche und Umweltrisiken werden aus der Perspektive (potenziell) Betroffener erfasst. Dies können bei produzierenden Unternehmen bspw. Kleinbäuerinnen einer Kaffeeplantage oder die Anwohnerinnen und Anwohner einer Gerberei sein. Bei Dienstleistern können es etwa die Nutzerinnen und Nutzer der Dienstleistung sein oder Betroffene, die durch die Nutzung in Ihren Rechten eingeschränkt werden (z. B. Einschränkung der Meinungsfreiheit durch eine Abhörsoftware). Dieser Perspektivwechsel weg vom reinen Fokus auf Risiken für das eigene Unternehmen (z. B. Reputationsrisiken, Produktionsausfälle) ist wichtig. In der Praxis kann dies bedeuten, dass manche Risiken weniger stark im eigenen Betrieb oder in den eigenen Standorten auftreten, sondern in Wertschöpfungsketten-stufen, mit denen Sie nicht direkt verbunden sind. Auch wenn nicht jedes Risiko direkt adressiert werden kann, ist diese Betrachtungsweise wichtig.

Risiken verstehen

Menschenrechtliche und Umweltrisiken sind potenzielle oder tatsächliche negative Auswirkungen auf Menschenrechte oder die Umwelt. Bezugspunkt für die Risikoanalyse sind menschenrechtliche und Umweltrisiken. Eine Übersicht zu menschenrechtlichen und Umweltrisiken entlang der Wertschöpfungskette finden Sie hier.

Risiken einschätzen

Die Größe Ihres Unternehmens, die Branchenzugehörigkeit, die Art und die Orte der Geschäftstätigkeit - all dies hat unmittelbaren Einfluss auf das Risiko negativer Auswirkungen auf Betroffene und die Umwelt in der Wertschöpfungskette. Informationen darüber bilden die Grundlage für die Risikoanalyse und helfen Ihnen, zielgerichtet vorzugehen.

Umfang festlegen

Grundsätzlich sind alle Wertschöpfungskettenstufen sowie (potenziell) betroffene Personengruppen (z. B. Beschäftigte im eigenen Betrieb oder bei Direktlieferanten, Anwohnerinnen und Anwohner) und Umweltauswirkungen zu erfassen. Zu Beginn sollten Sie die Risikoanalyse also bewusst weit fassen und sich einen Überblick über die menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken verschaffen. Das Feststellen der potenziellen Risiken ist dabei eine erste ungefähre Annäherung. Bleiben Sie dabei aber pragmatisch!

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Sammeln Sie systematisch branchen- und länderbezogene Informationen
  • Verschaffen Sie sich im ersten Schritt einen Überblick der vorgelagerten Wertschöpfungskette, indem Sie aufschreiben, wo ihre Lieferanten sitzen bzw. wo die Rohwaren herkommen. Ergänzend sollten Sie sich einen Überblick relevanter Menschenrechtsthemen in ihrer Branche verschaffen. So gelingt es, ein grundlegendes Risikoverständnis zu entwickeln. Die folgende Tabelle zeigt Ihnen, wie das es gehen kann.
  • In vielen Branchen, gerade im produzierenden Gewerbe, sind menschenrechtliche und Umweltrisiken vor allem in der vorgelagerten Wertschöpfungskette verortet. In der Elektronikbranche ist z. B. der Bezug von Rohstoffen, die für die Herstellung der Produkte benötigt werden, ein bedeutendes Nachhaltigkeitsrisiko. Insbesondere bei Dienstleistern wie beispielsweise in der Finanz- oder Versicherungsbranche liegen Risiken eher in der nachgelagerten Wertschöpfung und betreffen konkret die Dienstleistungen oder Produkte, die sie anbieten. Dementsprechend kann eine Bank, die in einen Staudamm investiert hat, für Umweltschäden, die mit dem Bau des Staudamms zusammenhängen, zur Verantwortung gezogen werden. Die Branchenbeispiele in Box „Welche menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken können in der Wertschöpfungskette auftreten?“ illustrieren dies genauer
  • Erfassen Sie überblicksartig alle potenziell negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte und die Umwelt.
Online-Portale und Studien zu branchen- und länderbezogenen menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken
Branchenbezogene Informationen
Von anderen Unternehmen lernen

Eine Sammlung von Praxisbeispielen finden Sie auf der Webseite „Unternehmenswerte – CSR Made in Germany“.

Werfen Sie auch einen Blick in Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen. Eine Übersicht finden sie hier: Ranking der Nachhaltigkeitsberichte.

Welche menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken können in der Wertschöpfungskette auftreten?

In der Regel lassen sich aus Informationen insbesondere auf Branchen- und Länderebene bereits menschenrechtliche Risiken und Umweltrisiken ermitteln, die Ihr Unternehmen prüfen sollte.

Quelle: BMAS-Forschungsbericht 543: Die Achtung von Menschenrechten entlang globaler Wertschöpfungsketten. Risiken und Chancen für Branchen der deutschen Wirtschaft. BMAS: Berlin, S. 222. Verfügbar unter: www.csr-in-deutschland.de

Sammeln Sie Informationen zu Querschnittsthemen – Rohstoffe, Transport & Logistik und Entsorgung/Recycling
  • Bestimmte Prozesse in der Wertschöpfungskette sind branchenübergreifend von großer Bedeutung für die unternehmerische Sorgfalt und das nachhaltige Lieferkettenmanagement. Betrachten Sie diese zusätzlich zu den branchenspezifischen Themen.

  • Zu diesen Querschnittsthemen gehören Rohstoffe, Transport & Logistik sowie Entsorgung/ Recycling. Machen Sie sich mit Nachhaltigkeitsfragen bei diesen zentralen Themen vertraut. Zu allen drei Themen liegen umfassende Informationen in der Tabelle 2 unten vor, die Sie nutzen können.

  • Rohstoffe bilden die Grundlage für die industrielle Produktion. Extraktive Rohstoffe wie z.B. Mineralien oder Metalle sind für viele deutsche Branchen essenziell und werden aus einer Vielzahl von Ländern weltweit bezogen.

  • Der Transport der Güter und ihre Lagerung sind wichtige Wirtschaftsfunktionen. Auch hier ist der prüfende Blick auf menschenrechtliche und Umweltrisiken wichtig. Dies gilt insbesondere für Unternehmen aus Branchen, in denen Transport- und Logistikprozesse eine große Rolle spielen. Dazu gehören neben dem Groß- und Einzelhandel u.a. die Automobil- und Elektronikbranche, der Maschinenbau und die Metallindustrie. Denken Sie beispielsweise an die Arbeitsbedingungen im Lkw-Transport, auf Containerschiffen oder an den Häfen.

  • Ähnliches gilt für Entsorgungs- und Recyclingaktivitäten, insbesondere, wenn diese im Ausland stattfinden. Dies betrifft vor allem die Automobil-, Schifffahrts-, Chemie- und die Informations- und Kommunikationstechnologiebranche.

  • Zu allen drei Querschnittsthemen liegen öffentliche Informationen vor.

  • Weitere Querschnittsthemen, die sie prüfen sollten, sind „klassische“ Beschaffungsthemen wie Gebäudereinigung/Putzfachkräfte, Wachpersonal/Sicherheitsdienste, Catering und Gebäudeinstandhaltung. Auch für diese Dienstleistungssektoren sollten Sie nach Möglichkeit menschenrechtliche und Umweltrisiken erfassen.

Rohstoffe

In der Branchenstudie „Die Achtung von Menschenrechten entlang globaler Wertschöpfungsketten“ im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales findet sich eine Übersicht über das Querschnittsthema.

Die Studie „Human Rights Risks in Mining: A Baseline Study“ im Auftrag der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gibt einen Überblick über die wichtigsten inhatlichen Risiken, die im industriellen Bergbau, Kleinbergbau und in besonderen Situation (z. B. in Konfliktkontexten) auftreten können.

Das Human Rights Toolkit der Vereinten Nationen liefert eine Übersicht ber menschenrechtliche Risiken und Umweltrisiken bei der Rohstoffgewinnung.

Transport & Logistik

In der Branchenstudie „Die Achtung von Menschenrechten entlang globaler Wertschöpfungsketten“ im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales findet sich eine Übersicht über das Querschnittsthema.

Die Studie „OSH in figures: Occupational safety and health in the transport sector – An overview“ der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz liefert weiterführende Informationen zum Querschnittsthema.

Entsorgung und Recycling

In der Branchenstudie „Die Achtung von Menschenrechten entlang globaler Wertschöpfungsketten“ im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales findet sich eine Übersicht über das Querschnittsthema.

Das Human Rights Toolkit der Vereinten Nationen liefert eine Übersicht ber menschenrechtliche Risiken und Umweltrisiken bei der Rohstoffgewinnung.

Übersicht zu menschenrechtliche Risiken und Umweltrisiken entlang der Wertschöpfungskette erstellen
  • Fassen Sie die Informationen aus den verschiedenen Quellen zusammen und ordnen Sie die ermittelten menschenrechtlichen und Umweltrisiken den Wertschöpfungskettenstufen zu.

  • Greifen Sie auf das Mapping ihrer Wertschöpfungskette und der Standorte aus Prozessphase 1 zurück.

  • Prüfen Sie, in welcher Wertschöpfungskettenstufe und in welchem Prozess welche Risiken auftreten.

  • Das Feststellen der potenziellen Risiken ist dabei eine erste ungefähre Annäherung, die sie im nächsten Schritt mit unternehmensspezifischen Daten kombinieren, um tatsächliche Risiken zu ermitteln.

Wie kann ich eine Übersicht zu menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken entlang der Wertschöpfungskette erstellen?

Mithilfe einer Visualisierung können Sie menschenrechtliche Risiken und Umweltrisiken den einzelnen Wertschöpfungsketten übersichtlich zuordnen und Informationen für die vertiefte Analyse, die im nächsten Schritt folgt, aufbereiten. Auf diese Weise bringen Sie Ihre Zwischenergebnisse der ersten und zweiten Prozessphase zusammen (siehe Beispiel unten).

Eine Vorlage für die Visualisierung finden Sie im Online-Portal „Nachhaltigkeitsmanagement für KMU“ des Bayerischen Landesamtes für Umwelt.

Übersicht zu menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken entlang der Wertschöpfungskette
Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt: Nachhaltigkeitsmanagement für KMU – Nachhaltige Lieferkette. Prozessschritte und Starter-Kit, verfügbar unter: [https://www.umweltpakt.bayern.de/werkzeuge/nachhaltigkeitsmanagement/module.htm?m=1#kette](#https://www.umweltpakt.bayern.de/werkzeuge/nachhaltigkeitsmanagement/module.htm?m=1#kette)
2.2

Tatsächliche Risiken identifizieren

Lesedauer ca. 5 min

Basis des in Schritt 1 erarbeiteten branchen- und länderbezogenen Überblicks über menschenrechtliche und Umweltrisiken können Sie ermitteln, welche Risiken auf Ihr Unternehmen tatsächlich zutreffen. Binden Sie dafür Ihre Mitarbeitenden und Direktlieferanten ein sowie nach Möglichkeit auch weitere externe Quellen.

Grundverständnis: Worauf sollte ich achten?

Direkt zur Umsetzung gehen

  • Da jedes Unternehmen eigene Charakteristika insbesondere in Bezug auf seine verschiedenen Standorte, seine Lieferanten und die Lieferländer hat, deckt sich nicht jedes Branchen- oder Länderrisiko zwangsläufig mit dem unternehmensspezifischen Risiko.
  • Daher ist es wichtig, dass Sie die bisherigen Rechercheergebnisse mit Ihren eigenen Unternehmensaktivitäten abgleichen, um zu prüfen, ob die Ergebnisse der branchen- und länderbezogenen Recherche auf Ihr Unternehmen zutreffen, und auch, um zusätzliche Risikobereiche zu identifizieren.
  • Gerade bei kleineren Unternehmen zeigt sich erfahrungsgemäß, dass die Liste von menschenrechtlichen und Umweltrisiken überschaubar ist. Insbesondere dann, wenn eine sehr fokussierte Geschäftstätigkeit bzw. ein überschaubares Produktportfolio vorliegen.
  • Der Abgleich kann auch bereits dafür genutzt werden, bestehende Prozesse und Maßnahmen zu erfassen und abzugleichen. Die intensive Befassung mit dem Ist-Zustand erfolgt in Prozessphase 3.

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Mit den Mitarbeitenden in den Austausch gehen
  • Der Austausch ermöglicht, alle zentralen Perspektiven im Unternehmen abzubilden und auch die Motivation für das nachhaltige Lieferkettenmanagement zu fördern.
  • Nutzen Sie bestehende Informationsquellen, beispielsweise Dokumentationen aus dem internen Umweltmanagement, Compliance-Hotlines, Befragungen von Mitarbeitenden, Betriebsratsprotokolle oder Berichte über konkrete Vorfälle.
Für den Austausch mit Mitarbeitenden zur Ermittlung unternehmensspezifischer menschenrechtlicher und Umweltrisiken in der Wertschöpfungskette sollten Sie zwei Fragen beantworten: Wer sollte angesprochen werden? Und in welchem Format sollte der Austausch erfolgen?

Frage 1: Wer sollte angesprochen werden?

Beziehen Sie Abteilungen ein, die sich bereits mit menschenrechtlichen und Umweltrisiken befassen. Dazu können u. a. die Abteilungen bzw. Gremien Unternehmensstrategie, Recht/Compliance, Einkauf/Beschaffung, Personalwesen, Nachhaltigkeit, Qualitätsmanagement, Umweltmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Betriebsrat gehören.

Insbesondere bei kleineren Unternehmen laufen viele Tätigkeiten direkt über die Geschäftsleitung. Trifft das auf Ihr Unternehmen zu, sollten Sie die Geschäftsführung an dieser Stelle einbinden.

Bemühen Sie sich darum, die Terminologie an das jeweilige Tätigkeits- bzw. Geschäftsfeld der Beteiligten anzupassen. Das fördert das Verständnis für Nachhaltigkeitsthemen, die zumindest für einige Abteilungen neu sein dürften.

Frage 2: In welchem Format sollte der Austausch erfolgen?

Für ein systematisches Vorgehen empfiehlt sich der direkte Austausch. Beispielsweise in Form eines Workshops, bei dem verschiedene Abteilungen gemeinsam menschenrechtliche und Umweltrisiken ermitteln und diskutieren. Ergänzend können Interviews mit Schlüsselpersonen im Unternehmen helfen, um den Austausch vorzubereiten oder spezifische Themen zu adressieren.

Grundsätzlich wichtig ist eine gute Vorbereitung, die klare Formulierung, was Sie von den Kollegen erwarten und was diese im Gegenzug erwarten können. Zentral ist auch ein klarer Prozess. Planen Sie auch genügend Zeit ein, um die (neue) Thematik vorzustellen und Informationen aus verschiedenen Abteilungen und Gremien einzuholen.

Zum klaren Prozess gehört auch eine gewisse Regelmäßigkeit, um neue Erkenntnisse ins Risikomanagement einfließen zu lassen. Hier empfiehlt es sich beispielsweise, aus dem Workshop ein kleines Projektteam zusammenzustellen und regelmäßige Besprechungen/Jour Fixe‘ zu vereinbaren. Zudem empfiehlt es sich, dass Sie die beteiligten Personen darauf hinweisen, dass es weitere Prozessschritte gibt, bei denen ihr Mitwirken von großer Bedeutung ist – dazu gehört u.a. der Abgleich mit bestehenden Prozessen und Maßnahmen in der Prozessphase 3.

Mit den Direktlieferanten in den Austausch gehen
  • Nutzen Sie zu Beginn Ihres nachhaltigen Lieferkettenmanagements nach Möglichkeit bestehende Informationen, um den Zeitaufwand bei der ersten Risikoanalyse in Grenzen zu halten.
  • In dieser Phase der Risikoanalyse sollten Sie nach Möglichkeit auch in den Austausch mit Ihren Direktlieferanten gehen. Hinweise in den Strategien oder Verhaltensrichtlinien der Lieferanten selbst können Informationen liefern. Sofern vorhanden, liefern Zertifikate von glaubwürdigen Umwelt- oder Sozialaudits, Selbstauskünfte von Lieferanten oder vor-Ort-Besuche die Möglichkeit, Informationen über tatsächliche Risiken, die Ihr Unternehmen betreffen, zu ermitteln.
  • Eine Übersicht über die für Ihr Unternehmen relevanten Nachhaltigkeitsstandards und die Einordnung ihrer Leistungsfähigkeit als Instrumente zur Umsetzung der eigenen Sorgfaltsprozessen finden Sie in Kürze hier.
Weitere Quellen nutzen
Die Verbindung Ihres Unternehmens zu menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken entlang der Wertschöpfungskette erfassen
  • Nachdem die unternehmensspezifische Annäherung an menschenrechtliche und Umweltrisiken erfolgt ist, sollten Sie in diesem Schritt abschließend den Zusammenhang der Risiken mit Ihrem Unternehmen präzisieren. Das erleichtert Ihnen im nächsten Schritt die Priorisierung von menschenrechtlichen und Umweltrisiken.
  • Ermitteln Sie, wie Ihr Unternehmen mit den identifizierten Nachhaltigkeitsrisiken verbunden ist. Nutzen Sie dafür die im vorherigen Schritt erarbeitete Visualisierung Ihrer Lieferkette, um diese Verbindung aufzuzeigen:
    • Eigenes Unternehmen und Tochterunternehmen > Verursacht durch das Unternehmen
    • Vertragliche Geschäftspartner/Direktlieferanten > Beitrag durch das Unternehmen
    • Unterlieferanten (ohne Vertragsbeziehung mit Ihrem Unternehmen) > Indirekt verbunden
  • Es geht an dieser Stelle um eine erste pragmatische Zuordnung. Die Zuordnung hilft Ihnen, wenn Sie basierend auf der Risikoanalyse Maßnahmen zur Abwendung negativer Auswirkungen entwickeln.
  • Mit diesen Informationen können Sie nun in den letzten Schritt der Prozessphase gehen – die Bewertung und Priorisierung von menschenrechtlichen und Umweltrisiken.
2.3

Risiken kontinuierlich bewerten und priorisieren

Lesedauer ca. 5 min

Priorisieren und bewerten Sie Ihre identifizierten menschenrechtlichen und Umweltrisiken kontinuierlich, sodass Sie die schwerwiegendsten Risiken zuerst angehen und diesen bei der Maßnahmenentwicklung Priorität einräumen können. Eine wichtige Leitfrage lautet daher: Auf welche Nachhaltigkeitsrisiken sollte ich als Unternehmen fokussieren?

Grundverständnis: Worauf sollte ich achten?

Direkt zur Umsetzung gehen

Menschenrechtliche und Umweltrisiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigen: Versuchen Sie alle Themen entlang der Wertschöpfungskette zu berücksichtigen, die Sie in den beiden vorangegangenen Arbeitsschritten ermittelt haben. In vielen Branchen sind die Risiken für negativen Auswirkungen auf Betroffene und die Umwelt in der Lieferkette höher als am eigenen Standort. Es ist daher wichtig, dass Sie sich nicht ausschließlich auf ihre eigenen Aktivitäten konzentrieren. Es geht bei der Bewertung und Priorisierung noch nicht um die Frage, welchen Einfluss Sie ausüben können, um Nachhaltigkeit in Ihrer Wertschöpfungskette voranzutreiben.

Komplexität reduzieren: Auch wenn Sie grundsächlich Ihre gesamte Wertschöpfungskette im Blick haben sollten, kann es gerade zu Beginn zu anspruchsvoll sein, alle identifizierten menschenrechtlichen und Umweltrisiken im Detail zu bewerten und daraus die Priorisierung abzuleiten. Es ist daher absolut legitim, wenn Sie, z.B. basierend auf vorliegenden branchen- oder länderbezogenen Informationen, auf bestimmte Produkte, Nachhaltigkeitsthemen, Wertschöpfungsstufen oder Geschäftsbeziehungen fokussieren und dort (potenziell) negative Auswirkungen bewerten und priorisieren.

Bewertungskriterien: Bei der Priorisierung von Risiken sind zwei Dimensionen zu beachten: Der Schweregrad der (potenziellen) negativen Auswirkung und die Eintrittswahrscheinlichkeit. Beachten Sie, dass es bei der Erfassung der (potenziell) negativen Auswirkung um die Auswirkung für Betroffene oder die Umwelt geht. Dieses Verständnis ist wichtig für einen angemessenen Umgang mit menschenrechtlichen und Umweltrisiken. Das gilt es insbesondere zu beachten, wenn Sie bestehende Risikomanagementverfahren nutzen möchten. Zudem wird die Schwere der (potenziell) negative Auswirkungen bei der Priorisierung höher gewichtet als die Eintrittswahrscheinlichkeit. Besteht etwa das Risiko für lebensbedrohliche Arbeitsbedingungen aufgrund fehlender Brandschutzmaßnahmen, ist diesem Hinweis nachzugehen, auch wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit gering eingestuft wird.

Bewertung und Priorisierung durchführen: Vorab – es gibt keine allgemeingültige Schwelle dafür, wann Auswirkungen schwerwiegend sind. Daher ist es wichtig, sich der Frage des Schweregrades anzunähern. Wichtig dafür ist der Dialog, der intern startet. Binden Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen – wie auch schon bei der Identifikation von menschenrechtlichen und Umweltrisiken – in die Bewertung und Priorisierung ein. Perspektivisch sollten Sie versuchen, externe Akteure ebenfalls einzubinden. Das betrifft insbesondere Ihre Lieferanten und (potenziell) Betroffene vor Ort. NGOs können dafür ein guter Erstkontakt sein, da sie zu vielen menschenrechtlichen Risiken und Umweltrisiken vertieftes Wissen und Kontakte zu Betroffenen besitzen. Gerade der Austausch mit Geschäftspartnern kann auch eine Vertrauensbasis schaffen, die für Folgeschritte, wie z. B. abgeleitete Maßnahmen, hilfreich sein kann. Dies muss nicht unbedingt gleich am Anfang geschehen, sondern kann auch ein Schritt sein, den Sie einleiten, sobald Sie bereits eine robuste Risikobewertung durchgeführt haben und aufgrund sehr spezieller Bedenken auf Ihre Lieferanten oder andere Geschäftspartner zurückkommen möchten.

Bestehende Risikomanagementsysteme nutzen: Wenn Sie bereits Risiko-Managementsysteme für andere Bereiche nutzen, sollten Sie prüfen, ob die Risikobewertung und -priorisierung in diese bereits bestehenden Systeme integriert werden kann (z.B. in Managementsysteme wie EMAS/ISO 14001, SA8000 oder ISO 9001). Das kann zu einer robusteren Methodik beitragen und erleichtert außerdem die Bewertung und Priorisierung selbst, denn Ihre Mitarbeitenden aus der Risikoabteilung bringen wertvolle Erfahrungen mit.

Umsetzung: Wie gehe ich vor?

Machen Sie sich mit Bewertungskriterien vertraut
  • Die Bewertung von menschenrechtlichen und Umweltrisiken basiert auf zwei Kriterien: der Schwere der (potenziellen) negativen Auswirkungen und der Eintrittswahrscheinlichkeit.
  • Bewerten Sie die Schwere, indem Sie das Ausmaß, den Umfang und die Behebbarkeit einer (potenziell) negativen Auswirkung erfassen.
  • Es gibt keine allgemeingültige Schwelle dafür, wann Auswirkungen schwerwiegend sind.
  • Eine (potenziell) negative Auswirkung auf Betroffene und die Umwelt kann schwer sein, wenn nur eine der drei Dimensionen Ausmaß, Umfang und Behebbarkeit als schwer eingestuft wird.
Bewertungskriterium der Schwere in der Praxis umsetzen
Dimension Mögliche Leitfrage Ansätze und Herausforderungen Beispiele für hohen Schwierigkeitsgrad
Ausmaß Wie gravierend ist die (potenzielle) negative Auswirkung? Das Ausmaß hängt in großem Maße davon ab, wie sehr eine (potenziell) betroffene Person in der Lage ist, sich zu schützen bzw. wie verwundbar sie für negative Auswirkungen ist Fall von Kinderarbeit in einem Bergwerk auf Ebene der Rohstoffgewinnung
Umfang Wie viele (potenziell) Betroffene gibt es? Auf Ebene der Direktlieferanten: Anzahl der Mitarbeitenden Herausfordernder ist die Bestimmung in der tieferen Lieferkette. Hier kann der Rückgriff auf Berichte von NGOs hilfreich sein ein gesamter Produktionsstandort eine lokale Gemeinschaft Einzelfall oder gesamte Gruppe (z.B. Fabrikarbeiter)
Behebbarkeit Wie schwierig wäre es, die (potenzielle) negative Auswirkung zu beheben oder zu verhindern? In Erwägung gezogen werden sollten u. a. technische Anforderungen und die Akzeptanz der Maßnahmen bei den Betroffenen Ein unumkehrbarer Schaden (z.B. gesundheitliche Belastung, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigt)
Quellen: Doing Business with Respect for Human Rights, S. 52; The Danish Institute for Human Rights: Analysing Impacts Practitioner Supplement, S. 8ff.
  • Erfassen Sie neben der Schwere die Eintrittswahrscheinlichkeit von (potenziell) negativen Auswirkungen. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Auswirkungen in Ihrem Unternehmen des Unternehmens auftreten oder auftreten können?
  • Berücksichtigen Sie dabei Ihre eigene Geschäftstätigkeitstätigkeit sowie die Fähigkeit Ihrer Lieferanten, menschenrechtliche und Umweltrisiken zu managen.
  • Für die Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit einer (potenziellen) negativen Auswirkung sind vor allem kontextuelle Faktoren, wie z.B. spezielle Länder- oder Branchenrisiken, relevant. Greifen Sie auf Ihre Rechercheergebnisse aus dem vorangegangenen Arbeitsschritt zurück.
  • Ebenso sollten Sie versuchen, bereits Ergebnisse der Ist-Analyse aus Prozessphase 3 in die Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit einfließen zu lassen. Über welche internen Managementansätze und Prozesse verfügt Ihr Unternehmen bereits, um identifizierte Risiken zu adressieren? Gibt es interne oder externe Hinweise auf Verstöße in Ihrer Wertschöpfungskette oder bei Ihren Lieferanten?
Faktoren, die die Eintrittswahrscheinlichkeit erhöhen können

Grundsätzlich sind Landes- und Governance-Kontexte zu berücksichtigen: Krisen und Konflikte, die Präsenz von vulnerablen Gruppen und ggf. deren staatliche Unterdrückung, sowie Armut sind allesamt Faktoren, die negative Auswirkungen auf Menschen und Umwelt wahrscheinlicher machen.

Ist Ihr Unternehmen beispielsweise in einem Land mit hohem Korruptionsrisiko tätig oder unterhält Verträge mit Lieferanten in einem mit Korruptionsrisiko behafteten Land, so erhöht dies das Risiko, dass Umwelt- oder Menschenrechte missachtet werden.

Arbeitsplätze, die abgeschieden oder schwer zugänglich sind, wie z.B. im Bergbau, gehen häufig mit einem erhöhten Risiko von Arbeitsunfällen einher. In Branchen, die sich sehr komplexen und weitverzweigten Lieferketten bedienen, wie z. B. die Elektronik-Branche, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass es zu Verletzungen von Umwelt- und Menschenrechten in den vorgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette kommt.

Auch der Zugang zu bzw. die Verlässlichkeit von Informationen ist ein wichtiger Faktor. Wenn z.B. Hinweise auf Unstimmigkeiten vorliegen oder wenig Transparenz in einem bestimmten Teil der Liefer- und Wertschöpfungskette vorherrscht, sollte grundsätzlich erst einmal von einem höheren Risiko ausgegangen werden und ggf. eine genauere Betrachtung in Erwägung gezogen werden, um die exakten Risiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeit genauer einordnen zu können.

Führen Sie die Bewertung und Priorisierung durch
  • Seien Sie bei der Bewertung pragmatisch. Gerade zu Beginn sollten Sie nicht versuchen, komplexe quantitative Bewertungsmodelle zu nutzen. Nähern Sie sich an, indem Sie den Schweregrad beschreiben und z.B. auf einer Skala von 1 bis 3 bewerten.
Beispiele für die Bewertung der Schwere

Das Danish Institute for Human Rights hat Praxishilfen („Analysing Impacts Practitioner Supplement“) entwickelt, die aufzeigen, wie der Schweregrad entlang der drei Dimensionen Ausmaß, Umfang und Behebbarkeit bewertet werden kann. Die Beispiele können Ihnen helfen, eine eigene Bewertung durchzuführen.

  • Binden Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen (und ggf. Externe) in die Bewertung und Priorisierung ein und führen Sie diese durch.
  • Im Sinne der internen und externen Kommunikation sollten Sie Ihre Ergebnisse dokumentieren und visualisieren.
Visualisierungsmöglichkeit
Visualisierungsmöglichkeit
Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt: Nachhaltigkeitsmanagement für KMU – Nachhaltige Lieferkette. Prozessschritte und Starter-Kit, verfügbar unter: [https://www.humanrights.dk/business/tools/human-rights-impact-assessment-guidance-toolbox/phase-3-analysing-impacts](#https://www.humanrights.dk/business/tools/human-rights-impact-assessment-guidance-toolbox/introduction-human-rights-impact)
  • Sie sollten den Sorgfaltsprozess in regelmäßigen Abständen wiederholen, um sowohl interne als auch externe Veränderungen stets zu berücksichtigen. So ist es beispielsweise sinnvoll, erneut eine Risikoanalyse durchzuführen, wenn es zur Lancierung neuer Geschäftsbereiche kommt. Grundsätzlich sollte eine Risikoanalyse mindestens alle ein bis zwei Jahre erneut durchgeführt werden, um auch externen Faktoren, wie z.B. Veränderungen in Länder- und Governance-Kontexten, zu berücksichtigen.
Vertiefte Risikoanalyse und -bewertung

Für Hochrisiko-Bereiche lohnt es sich, eine vertiefte Risikoanalyse durchzuführen. Methodisch kann dafür z.B. auf ein Human Rights Impact Assessment zurückgegriffen werden. So ein Assessment kann auf Länder-, Sektor- oder Produktebene durchgeführt werden.

Gerade als kleineres Unternehmen kann eine vertiefte Risikoanalyse sehr zeitaufwendig und ressourcenintensiv sein. Um Ihre Mitarbeitenden nicht zu überfordern, kann eine solche Analyse deshalb alternativ auch in der nächsten Prozessphase als Maßnahme umgesetzt werden. Ggf. besteht auch die Möglichkeit, auf Branchenlösungen zurückzugreifen oder im Rahmen eines Zusammenschlusses mit anderen KMU ein gemeinsames Projekt anzustoßen.

Hilfestellung bei der Bewertung und Priorisierung von negativen Auswirkungen

Für die Bewertung und Priorisierung von Risiken steht Ihnen eine Reihe von Ratgebern und Tools zur Verfügung.

Zunächst sollten Sie sich mit den VN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte vertraut machen. Prinzipien 14 und 24 erläutern den Anforderungsrahmen der VN für die Risikobewertung und -priorisierung.

Der Leitfaden Menschenrechtliche Risiken und Auswirkungen ermitteln des Deutschen Global Compact Netzwerks, des Deutschen Instituts für Menschenrechte und twentyfifty zeigt Ihnen, wie Sie schrittweise vorgehen sollten und was Sie dabei beachten müssen.

Ebenfalls können Sie den OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln (Seiten 25-28; 61-73) konsultieren, der wiederum auf die branchenspezifische Due-Diligence Leitfäden (Seite 9) der OECD verweist, die bisher für den Rohstoff-, Agrar-, Textil- bzw. Bekleidungssektor und für Finanzunternehmen bzw. Investoren entwickelt wurden.

Weiterführende Literatur und Links können außerdem im Infopaket Risikoanalyse und Maßnahmen des Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte gefunden werden.

Wie bereits in den vorangegangenen Arbeitsschritten eignet sich der CSR Risiko-Check besonders für eine erste Einschätzung der lokalen Umwelt- und Menschenrechtssituation in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Die Human Rights Impact Assessment Guidance and Toolbox (HRIA) des Danish Institute for Human Rights ist ebenfalls ein wichtiges Tool, welches Sie bei der Risikobewertung und -priorisierung unterstützen kann.

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